Die Hochzeit von Georg Kresse

Die Hochzeit von Georg Kresse mit Anna Pissel ist eine der wenigen dokumentierte Lebensereignisse von Kresse. Man findet den Eintrag dazu im Kirchenbuch von Döhlen aus dem Jahr 1638. Als letzter Eintrag 1638 ist kurz die Eheschließung der beiden Eheleute genannt. Wie auch beim Taufeintrag von Georg Kresse fehlen weitere Details zur Hochzeit. Der damalige Pfarrer scheint nur das Nötigste schriftlich festgehalten zu haben oder eventuell wurden die Unterlagen auch nachträglich nochmal neu ausgefertigt.

Hintergrund könnte gewesen sein, dass Kresse zur Zeit seiner Heirat noch gesucht wurde. Daher ist es nicht unwahrscheinlich, dass keine Aufzeichnungen zur Heirat angefertigt wurden und erst nach seinem Tod der Eintrag entstand.

Durch den Eintrag aus dem Kirchenbuch in Döhlen kann man davon ausgehen, dass die Ehe in der Kirche in Döhlen geschlossen wurden. Wo man dann aber gefeiert hat (in Dörtendorf, Piesegitz oder auch bereits in Hirschbach) ist nicht bekannt. Klar ist aber: Hochzeiten waren ein wichtiger Bestandteil im Leben der dörflichen Gemeinden und wahrscheinlich die größten Feste, die außerhalb der kirchlichen Anlässe gefeiert wurden (natürlich immer abhängig vom Geldbeutel des Brautpaares und der Familien). Julius Schmidt hat 1827 in seiner “Medicinisch-physikalisch-statistische Topographie der Pflege Reichenfels1 einen sehr ausführlichen Einblick darüber geben, wie eine Hochzeit zur damaligen Zeit ablief und welche Bräuche es gab. Viele dieser Bräuche dürften auch bereits zur Zeit von Kresse bestanden haben und daher Teil seiner Hochzeit gewesen sein.

Das Eheversprechen wurde traditionell durch das Überreichen eines Geldstücks besiegelt. Klassische Verlobungsringe waren zunächst dem Adel vorbehalten und fanden erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts ihren Weg in die ärmeren Bevölkerungsschichten. Ein interessantes Detail zeigt sich bei den kirchlichen Aufgeboten: Während das Brautpaar beim ersten Termin der Kirche fernblieb, war es beim zweiten Mal anwesend. Zum dritten Aufgebot wurde das Paar feierlich geleitet – der Bräutigam von zwei Brautführern, die Braut von zwei Brautjungfern, alle festlich mit Kränzen geschmückt. Vor der Trauung nahm das Paar gemeinsam das Heilige Abendmahl ein.

Der Hochzeitsbitter und der Polterabend

Die Einladung der Gäste übernahm der sogenannte Hochzeitsbitter. Sein markanter Hut war mit bunten Bändern und Blumen verziert. Da er seine Aufträge meist im Laufschritt erledigte, flatterten rote Tücher an seiner Schulter oder seinem Hut im Wind. Am Vorabend der Hochzeit, zu der Verwandte, Freunde und Nachbarn geladen waren, wurde – wie heute noch üblich – ausgiebig gepoltert.

Die Bedeutung des Kuchens

Backwerk spielte eine zentrale Rolle. Ein besonderes Ritual betraf den „Junggesellenkuchen“: Die unverheirateten Frauen zerrissen das erste fertige Gebäck in Stücke. Der Glaube besagte, dass jene, die das größte Stück ergatterte, als Nächste vor den Traualtar treten würde. Für den Bräutigam galt es hingegen als böses Omen, sollte ein Kuchen im Ofen Schaden nehmen.

Schlüsselpersonen des Festes

  • Die Brautmutter: Dieses Amt durfte weder die leibliche Mutter noch eine Witwe bekleiden.
  • Die Tischmutter: Sie trug die Verantwortung für die Bewirtung und die Anordnung der Speisen.
  • Brautführer und Brautjungfern: Sie geleiteten das Paar in die Kirche und assistierten insbesondere bei der Anordnung des Kleides. Die Brautführer fungierten zudem als Ordner und wiesen den Gästen ihre Plätze zu. Als Ehrengäste saßen sie beim Festmahl direkt neben dem Brautpaar.

Die Trauung und ihre Omen

Der Hochzeitszug setzte sich erst in Bewegung, wenn das dritte Glockenläuten vollständig verstummt war. In Vertretung der Väter führten Verwandte die Brautleute zum Altar. Strenge Regeln begleiteten den Gang: Ein Umdrehen in der Kirche oder am Altar war streng untersagt. Man glaubte, dies führe dazu, dass man künftig nach anderen Partnern Ausschau hielte oder gar frühzeitig sterbe.

Um „böse Geister“ fernzuhalten, standen die Eheleute während der Zeremonie so dicht wie möglich beieinander. Dem Bräutigam war es zudem untersagt, sich zu setzen, da man andernfalls den schwindenden Wohlstand der Familie fürchtete.

Das Hochzeitsmahl

Nach der Rückkehr zertrümmerte der Bräutigam ein zuvor geleertes Glas auf der Türschwelle. Zum anschließenden Mahl brachte jeder Gast sein eigenes Besteck mit. Mitgebrachte Geschenke wurden für alle sichtbar ausgestellt. Für das Brautpaar entzündete man zwei Kerzen; diejenige, die zuerst erlosch, sollte das frühere Ableben des jeweiligen Partners ankündigen.

Während des Essens forderte die Dorfjugend ihren Anteil ein, indem sie Spieße durch die Fenster reichte, die von den Gästen mit Fleisch und Kuchen bestückt werden mussten. Den Abschluss bildeten Dankesworte des Schullehrers und die Einladung für den Folgetag. Verspätete Gäste wurden dann oft scherzhaft mit einem Schubkarren abgeholt oder mussten auf einem Strohesel reiten.

HINWEIS Aufgrund der schweren Zeiten im Dreißigjährigen Krieg und der Verfolgung von Kresse durch die Obrigkeit ist offen, ob und wie genau die Hochzeit gefeiert wurde. Es gibt Berichte, dass selbst Taufen im Freien abgehalten wurden, aus Angst, das Soldaten die Kirche stürmen könnten. Durchaus also denkbar, dass man von den Hochzeitsbräucehn zu dieser Zeit abgewichen ist.

Anna Pissel auf dem Gedenkstein in Piesegitz (AI überarbeitet)

Der Einzug in das neue Heim

Der Umzug in das Haus des Bräutigams – meist an einem Montag, Dienstag oder Donnerstag – war ein eigenständiges Fest. Mit Musik wurde die Aussteuer auf Wagen zum neuen Wohnort gefahren. Dabei gab es strikte Regeln:

  • Die Ausstattung der Braut durfte niemals über der Kleidung des Bräutigams hängen, um die künftige Rangordnung im Haus nicht zu gefährden.
  • Das Berühren der Ladung während der Fahrt galt als Vorbote für Unfrieden.
  • Vor der Abfahrt wurde der Wagen dreimal an- und zurückgesetzt sowie dreimal im Kreis gefahren („Brautring“).
  • Bremsen während der Fahrt galt als Zeichen für künftige Kinderlosigkeit.

Beim Verlassen des Elternhauses flossen oft viele Tränen, besonders wenn auch das zur Mitgift gehörende Vieh hinter den Wagen hergeführt wurde. Am Ziel angekommen, musste der Brautführer förmlich um Einlass bitten. Erst nach der Zusicherung der Schwiegereltern, dass die Braut willkommen sei, durfte sie eintreten. Im Haus angekommen, blickte die Braut zuerst in das Ofenloch, um sich symbolisch einzugewöhnen. Abschließend führte der Bräutigam sie feierlich um einen Tisch, auf dem Brot, ein Gesangbuch und oft auch Salz als Symbole für Schutz und Wohlstand lagen. Danach wurde jedes Stück der Aussteuer einzeln ins Haus getragen.

Spannend in diesem Zusammenhang ist ein Brauch, der „Raustun“ genannt wird. Wird ein fremder Bursche bei einem Mädchen erwischt, gibt es Prügel durch die Burschen des Dorfes für den fremden Mann und oft muss eine ordentliche Summe gezahlt werden, um dem zu entgehen. Unklar ist, ob die Burschen aus Piesegitz das auch bei Kresse so durchgeführt haben, denn immerhin dürfte sein Ruf als Bauerngeneral auch bereits zur Zeit seiner Brautschau bestanden haben.

Julius Schmidt schreibt im Original zu diesem Brauch in der Pflege Reichenfels:2

Das Raustun Das Raustun besteht darin, dass die jungen Männer eines Dorfes einen fremden Burschen, der eine Braut im Dorf hat und sich nachts im Haus seiner Geliebten aufhält (was nicht selten vor dem Eheversprechen vorkommt), aus dem Haus hinausprügeln. Oft kann er sich durch Geld freikaufen, und dann geht es gnädiger zu. Doch wenn sie ihn, wie man sagt, „auf den Hassart“ haben, also ihm missgünstig sind, wird er gründlich verprügelt und muss zusätzlich Geld bezahlen. Anders wenn ein junger Mann ins Dorf zieht: Bei neuen Hausfirmungen pflanzt man oft sehr hohe Tannen, denen die Äste bis auf die obersten entfernt wurden, vor die Haustür und schmückt sie mit Flittergoldfahnen und bunten Bändern. Dafür erhalten die jungen Männer gewöhnlich etwas Bier vom Haus.

  1. Schmidt, Julius: Medicinisch-physikalisch-statistische Topographie der Pflege Reichenfels, Seite 112 ↩︎
  2. Schmidt, Julius: Medicinisch-physikalisch-statistische Topographie der Pflege Reichenfels, Seite 118, ↩︎