Der 30jährige Krieg im Vogtland und der Pflege Reichenfels

 „Die Schul stehet leer, die Kinderlein von Seuchen dahingerafft, oder im Versteck, in der Wildnis; die Bauern entloffen, die Häuser verwüstet und teils verbrannt.“ Otto Behr, aus „Georg Kresse, der Bauern-General“

Szenen aus dem Dreißigjährigen Krieg: Soldaten treiben Bauern und Vieh fort. Radierung von Hans Ulrich Franck (1655)

Wer die Geschichte um Georg Kresse verstehen will, muss die Zeit kennen, in der er gelebt hat und die Herausforderungen verstehen, die durch den jahrzehntelange Krieg entstanden waren. Es war eine brutale Zeit und man überlebt nur mit Glück.

Der Dreißigjährige Krieg hinterließ als eine der tiefgreifendsten Krisen Europas auch in der Region um Zeulenroda und Triebes deutliche Spuren. Obwohl die Gemeinden von den großen Entscheidungsschlachten physisch weitgehend verschont blieben, litten die Einwohner massiv unter den indirekten Kriegsfolgen. Besonders in der zweiten Kriegshälfte verschlechterte sich die Lage derart, dass beispielsweise die Existenz von Triebes zeitweise am seidenen Faden hing.

Neutralität und frühe Schutzmaßnahmen

Zu Beginn des Konflikts bewahrten die Reußen ihre Loyalität zum Kaiser und blieben neutral, was das Vogtland zunächst vor direkten Kampfhandlungen bewahrte. Dennoch traf Heinrich Posthumus Reuß frühzeitig Vorsorgemaßnahmen: Er organisierte wehrhafte Untertanen in militärischen Einheiten („Fähnlein“) und verpflichtete die Ritterschaft zur ständigen Einsatzbereitschaft. Trotz wiederholter Bitten um kaiserliche Schutztruppen wurden diese meist nur in unzureichender Zahl entsandt. In dieser Notlage setzte der Landesherr verstärkt auf die Eigenverantwortung der Bauern ( sowie auf geistlichen Beistand unter dem Leitspruch „Bete und Arbeite“.

Wirtschaftliche Not und Währungsverfall

Bereits vor den ersten Truppendurchzügen im Jahr 1623 belasteten Einquartierungen und zusätzliche Abgaben die Bevölkerung. Parallel dazu führte eine systematische Geldentwertung (Kipper- und Wipperzeit) ab 1610 zu einer schweren Inflation. Hochwertige Münzen wurden eingezogen und durch minderwertiges Metall ersetzt. Da Steuern weiterhin in „guter Münze“ verlangt wurden, die jedoch kaum noch im Umlauf war, verarmten viele Bürger und Bauern zusehends. Der Handel kam fast vollständig zum Erliegen, und Grundnahrungsmittel wie Salz wurden unerschwinglich.

Soziale Disziplinierung und Festkultur

Trotz der prekären Lage wurde bei privaten Feierlichkeiten oft übermäßig aufgetischt. Um diesen Exzessen entgegenzuwirken, erließen die Fürsten ab 1621 strenge Hochzeits- und Taufordnungen. Diese reglementierten die Anzahl der Gerichte, die Dauer der Feiern (maximal drei Tage) und untersagten Lärm sowie das Mitnehmen von Speisen. In Zeulenroda und Triebes stießen diese Verbote jedoch auf Widerstand, da die Bevölkerung an ihren tief verwurzelten Bräuchen festhielt.

Gewalt und Widerstand gegen Einquartierungen

Die ständigen Durchzüge und die Versorgung der Soldaten – oft über ganze Winter hinweg – führten zu wachsendem Hass. In Triebes eskalierte die Situation mehrfach:

  • Einquartierungslast: 1629 mussten Hohenleuben und Triebes über den gesamten Winter etwa 30 Soldaten und deren Pferde versorgen.
  • Gewaltsame Konflikte: Ein kaiserlicher Reiter wurde in Triebes von zwei Einwohnern erschlagen. In Mehla vertrieben Bauern die Soldaten gewaltsam, was jedoch harte Bestrafungen nach sich zog.
  • Widerstandskämpfer: Wahrscheinlich fällt in diesen Zeitraum die Radikalisierung von Georg Kresse und die ersten Widerstandsaktionen gegen die Soldateska. In dieser Zeit entstand die Legende um Georg Kresse, der bewaffnete Mitstreiter sammelte, um die Bauern vor marodierenden Soldaten zu schützen.

Die tödlichen Schüsse auf den Kornett Georg Bohle scheinen ein Teil der zunehmend negativen Grundstimmung der Bevölkerung gegenüber den Soldaten allgemein zu sein. Dabei war unwesentlich, zu welcher Seite Soldaten gehörten: sie waren für die Bauern immer ein Problem.

Tatsächlich gibt es neben Georg Kresse im Dreißigjährigen Krieg immer wieder Hinweise auf organisierten und auch spontanen Widerstand gegen die Soldaten.Das Beispiel Hans Bastian von Zehmen von Clodra ist historisch gut belegt: Er war ein kursächsischer Offizier und Rittergutsbesitzer im Raum Weida/Zeulenroda, der während des Dreißigjährigen Krieges seine Untertanen bewaffnete und auf seinen Gütern eine Art lokale Schutztruppe organisierte. Zeitgenössische Quellen bestätigen, dass er gegenüber durchziehenden Truppen ungewöhnlich selbstbewusst auftrat, Plünderungen durch Drohungen mit bewaffnetem Widerstand abwehrte und seine Bauern militärisch einsetzte, um seine Besitzungen zu schützen. Allerdings handelte es sich nicht um eine große Bauernmiliz oder offene Gefechte, sondern um konsequenten, gut organisierten Selbstschutz eines lokalen Adligen, der seine Stellung nutzte, um seine Dörfer vor den schlimmsten Kriegsfolgen zu bewahren.

Daneben hab es immer wieder und über den gesamten Kriegsverlauf Übergriffe und Widerstandshandlungen gegenüber den Soldaten. Teilweise waren das Reaktionen auf Plünderungen und Gewalt durch die Soldaten, eher selten auch geplante Aktionen gegen Truppen.

Die Katastrophe ab 1632

Mit dem Bündnis der Reußen mit Schweden im Jahr 1631 änderte sich die Lage dramatisch. Das Vogtland wurde nun Ziel kaiserlicher Strafexpeditionen. General Holk, bekannt als „Schinder des Vogtlandes“, verwüstete 1632 weite Teile der Region. Während Zeulenroda durch ein Schutzkommando glimpflich davonkam, wurde Triebes massiv geplündert. Die Verwüstungen waren so verheerend, dass selbst Steuereintreiber feststellten, dass bei den völlig verarmten Bauern nichts mehr zu holen sei.

Auch in Hohenleuben gab es massive Schäden durch die Truppen von Holk. Die Stadt wurde am 25. und 26.September „abgenommen, geplündert, zerhauen und verwüstet“. Eine Aufstellung aus dieser Zeit kommt auf die Summe von 868 Gulden Schaden in der Stadt – das war mehr als die meisten Dörfer im Umland insgesamt wert waren.

Der geharnischte Reiter by Hans Ulrich Franck (1643)

Seuchen und das Ende des Krieges

Zusätzlich zum militärischen Elend brach 1637 die Pest aus, die ganze Landstriche entvölkerte. In den 1640er Jahren war die Not so groß, dass der Pfarrer von Zeulenroda floh, die dortige Turmuhr mehrfach zerstört wurde und Märkte aufgrund ständiger Raubüberfälle ausfallen mussten. Die wirtschaftliche Basis der Region war nahezu zerstört. In diesen Zeit fiel auch der Tod von Georg Kresse. Erst durch Steuererlasse und die Befreiung von Frondiensten erhielten die Bauern in den letzten Kriegsjahren die Möglichkeit, ihre zerstörten Güter mühsam wieder aufzubauen.

Georg Kresse erlebte das Ende des Dreißigjährigen Krieges nicht mehr. Nach seinem Tod 1641 in Auma gab es noch mehrere schwere Kriegsjahre und erst 1648 konnte mit dem Westfälischen Frieden die Gewalt und Greul beendet werden. Wie nachhaltig die Kriegsjahres Schaden angerichtet haben, kann man auch daran sehen, dass es ein großes Friedensfest in den Ländereien von Reuß erst 1650 gefeiert werden konnte. Man brauchte einige Jahre, um sich vom Krieg soweit zu erholen, dass wieder gefeiert werden konnte.