
Im Vogtland und darüber hinaus extistieren eine ganze Reihe von Erzählungen und Geschichten rund um Georg Kresse und man hat das Gefühl, dass sie mit jeder Neuerzählung etwas ausführlicher und umfangreicher werden. Dazu gibt es Hinweise, dass bereits zu seinem Lebzeiten sein Ruf durchaus ausgeprägt war (Soldaten reagierten angeblich auf die Rufe „Kresse hilf! Kresse hilf!“mit Flucht). Wir haben hier die bekanntesten Erzählungen von Kresse zusammengestellt und erweitern diese Übersicht auch gerne, wenn es neue Quellen gibt.
Kresse bei Julius Schmidt 18271
In dem schrecklichen dreißigjährigen Kriege, wo die Existenz ganzer großer Heere nur auf Raub begründet war, mußte die tiefste Armuth und Sittenlosigkeit in denjenigen Gegenden entstehen, welche vorzüglich von der Kriegsgeißel heimgesucht wurden. Es blieb daher oft den Einwohnern vieler Gegenden, denen ihre Feldfrüchte geraubt, ihr Vieh weggetrieben, ja nicht selten ihre Wohnungen verbrannt worden waren, nichts übrig, als den Urhebern ihres Elendes nachzuahmen; deswegen folgten auch Tausende von Menschen den größeren Heeren, wie z. B. dem Wallensteinschen Heere allein 30,000 Menschen nachzogen. Auch ein Einwohner Dörtendorfs aus dem jetzigen Hilbertschen Hause (nach andern soll er aus Hirschbach aus dem jetzt noch sogenannten Kressenhaus, wiederum nach andern aus Staitz aus der obern Schmiede stammen) entschloß sich zu einem ähnlichen Leben; er sammelte ohngefähr zwanzig Schnapphähne um sich und hielt sich meistens in einer Felsenhöhle verborgen, welche noch jetzt auf dem Bergabhange gleich an der weimarischen Grenze, ziemlich dem Reichenfelser Schlosse gegenüber, sichtbar ist, und den Namen Kressenhöhle führt. Mehrere Gruben, worin seine auf die Lauer ausgestellten Spießgesellen sich verborgen zu halten pflegten, sind noch mehr gegen Mittag auf dem Vorsprunge desselben weimarischen Grenzberges sichtbar, wo das Thal von Brückla sich in das Triebesthal verliert, und noch andere auf dem entgegengesetzten Abhange desselben Berges in das Weidathal, nicht weit von dem sogenannten Döhlener Predigerwege.
Doch beseelte Kressen ein mehr patriotisches Rachegefühl; er suchte meistens den Raubsoldaten ihre Beute abzujagen, ja sie selbst durch List oder Gewalt von den Dörfern abzuhalten. Er war in manche geheime Künste eingeweiht. Durch selten ihr Ziel verfehlende Schüsse streckte er viele der anrückenden Feinde darnieder, streute wohl auch auf gewisse Höhen Häcksel aus, was alsdann den anrückenden Feinden als zahlreiche Bewaffnete erschien. Er befand sich einstmals in Staitz, als das Geschrei kam, feindliche Soldaten wären im Anzuge. Sogleich umsteckte er das Dorf mit Haselruthen, was dem anrückenden Feinde wie lauter Soldaten erschien, weswegen er sich auch zurückzog. Er hielt sich auch einige Zeit in dem Dorfe Polen bei Endschütz auf. Er ließ nun wol alle Soldaten in das Dorf hinein, aber keinen wieder hinaus; er machte sie nämlich fest und mordete sie oft ganz allmählig, indem er ihnen z. B. zuerst Nase, Ohren u. s. w. abschnitt, wozu sie ganz geduldig still halten mußten. Daher kam eine solche Furcht für das Dorf unter die Soldaten, daß die Officiere zu jedem Soldaten sagten: weich nur Polen! davon trägt jetzt noch der Ort den Beinamen Weich-Polen. Bei der Kauersmühle begegneten ihm einst Soldaten, welche verlangten, er sollte mit ihnen als Bote gehen; er erwiederte darauf, er müsse erst seine Mutter fragen, ob er dürfe, sie möchten nur indeß warten; er ließ sie wol vier Stunden halten, dann kam er wieder aus der Mühle und sagte, sie sollten nur hinreiten; welche Erlaubniß sie auch sogleich benutzten und nur froh waren, so weggekommen zu seyn, indem sie wol sahen, mit wem sie es zu thun hatten.
Er fing alle kleinere Kugeln in dem Hemdebausche auf, wohin sie durch den Hemdeschliß gelangten; größere wies er mit einer Haselgerte weg.
Durch diese Mittel gelang es ihm, sich sehr furchtbar zu machen und der Gegend manchen wesentlichen Dienst zu leisten. Hiervon noch ein Beispiel: Mehrere Soldaten wollten einem Dörtendorfer Bauer die Ochsen auf dem Felde gewaltsam nehmen, dieser fing aber aus Leibeskräften an zu schreien: Kresse hilf! Kresse hilf! und die Nennung dieses furchtbaren Namens vermochte allein die Räuber, die Flucht zu ergreifen und dem Bauer sein Vieh zu lassen.
Obgleich er auch die Kunst besaß, sich unsichtbar zu machen, so wurde er doch endlich von den Soldaten überrumpelt und gefangen genommen, bevor er diese Kunst practiciren konnte. Er wurde nach Auma in das Roß geführt und sollte in einer Stube dieses Wirthshauses erschossen werden; allein alle auf ihn abgeschossene Kugeln waren nicht im Stande, ihn zu tödten; als er es endlich nicht mehr vor Brennen abhalten konnte, sagte er zu den Soldaten, sie sollten ihn mit seinem eigenen Gewehre erschießen. Die Kugel flog durch sein Herz in die Wand; das dadurch verursachte Loch und Kressens an die Wand gespritztes Blut war bis zum großen Aumaischen Brand (1790) sichtbar, denn kein Kalk haftete darauf. Ein glaubwürdiger Mann versicherte mir, es noch gesehen zu haben.
Von andern wird aber Kressens Tod auf folgende Art erzählt: Kresse duellirte sich einstens; er stand dabei am Häsigholze, in einer Vertiefung, welche sich nicht weit vom Fußwege von Loitsch nach Hohenleuben befindet; der andere an der nordwestlich liegenden Forstecke, in der Gegend der großen Fichte (eine Entfernung von einer guten Stunde); jener mochte ihm nun in der schwarzen Kunst gewachsen seyn, denn die gewechselten Kugeln durchbohrten beider Herzen. Kresse wurde auf der Stelle, woselbst er gefallen war, begraben; ein großer Felsblock bezeichnete dessen Grab; alte Leute versichern, ihn noch gesehen zu haben.
Vor seinem Tode sagte er noch aus, in der Nähe seiner Höhle läge ein Rohr mit Dukaten gefüllt vergraben; dieses war für viele Veranlassung, nachzusuchen, doch soviel bekannt geworden ist, vergebens. Menschengebeine will man allerdings häufig in der Gegend seines Verstecks gefunden haben.
Bei Volkssagen findet man oft, daß das Volk von einem ihm sehr ausgezeichnet erscheinenden Helden (wozu sich ganz besonders ähnliche Rebellen und Märtyrer wie der Kresse war, eignen) Handlungen anderer, welche früher oder später lebten, und in einem ähnlichen Sinne handelten, wie er, als von ihm vollbracht, erzählt. Eine ähnliche Bewandtniß mag es auch mit der Kressenssage haben, indem man mit ihr einheimische Sagen von Zauberern und Riesen verbunden zu haben scheint.

Kauern (ebenfalls bei Julius Schmidt
„Zur Zeit des 30jährigen Krieges gab es in Kauern einen ähnlichen Helden wie Kresse war, Namens Christophel. Die Einwohner Kauerns lebten in diesem Kriege größtentheils in Wäldern und nur bei dringenden Veranlassungen besuchten sie ihre verlassenen Wohnungen; besonders geschah dies wegen des Brodbackens. Bei dieser Gelegenheit wurde allemal ein Posten auf eine krumme Kiefer gestellt, welche wegen ihres hohen Standpunkts eine recht freie Aussicht gewährte. Nicht selten soll der Fall eingetreten seyn, daß der Wachtposten den Dorfbewohnern das Anrücken von Soldaten meldete und sie sich flüchten mußten, ohne ihr Brod gar backen zu können. An diesen Drängern rächte sich aber ein ungemein großer und starker Einwohner Kauerns gar blutig, indem er eine so große Zahl derselben ermordete, daß er mit deren Leichnamen einen ganzen Brunnen ausfüllen konnte. Doch endlich wurde er von den Soldaten ergriffen und erschossen. Noch jetzt zeigen die Bewohner Kauerns eine Vertiefung, welche dies schreckliche Soldatengrab bezeichnen soll.“
Mühlbergsage (Dieter Baumgärtel)2
Von wuchtigen Felsen über der Mühle
ragt mein Gestühl im blauen Dom.
Weit unter geknechteten Kieferbäumen
hör ich versunken das Mühlrad schäumen,
Und mahlt der Müller in weißem Kleid
wie seine Ahnen das Mehl der Zeit.
Wißt ihr noch – – ?
Wißt ihr noch wie des Kaisers Kroaten
dem Müller die Felder zertraten?
Der Holkschen Jäger plündernd Heer
fand seine Mühle ohn Mann und Wehr.
Sie fraßen und soffen,
beschliefen der Weiber jungfräuliche Leiber,
– am Ende ist nicht einer entloffen!
Denn plötzlich in ihrer Mitte stund
der Kresse, und war mit dem Teufel im Bund.
Und da sie wider ihn hoben die Hand,
hat er sie alle am Ort fest gebannt:
Jeden in seiner Unflatgebärde!
Als sie nach Stunden, grau wie die Erde
in Schweiß gestanden, hat er mit Genossen
das wilde Pack in die Hölle geschossen.
Wißt ihr noch – – ?
Und damals klangen hier oben erschrocken
in hellem Geläute die blauen Glocken.
Nun träumen sie wieder im Fingerkraut,
als hätten sie niemals Böses geschaut.
Und drüben über den waldigen Hängen
ist lerchenseliges Ätherdrängen.
Die Kresse Geschichten von Friedrich Wilhelm Trebge
Der Heimatforscher Friedrich Wilhelm Trebge hat nicht nur viel zu Kresse recherchiert und publiziert, sondern auch die größte Sammlung an Geschichten und Erzählungen zum Bauerngenerel zusammengetragen.
Soldaten aus Häckerling
Zu Zeiten lagerte der Kresse mit seinen Kumpanen im sogenannten Himmelreich, einer Gegend voller Teiche und Gehölze in der Aumaer Flur, an der Grenze zu Tischendorf und in der Nähe des Fußweges von Gera nach Auma. Hier sowie in der Nähe des Katzenberges, dicht an der Straße von Gera, streute er Häcksel aus. Ließen sich nun feindliche Soldaten sehen, so erstanden aus den Häckseln Soldaten, die gegen den Feind zogen und erschreckt wichen diese zurück.
In Wöhlsdorf, wo Kresse auch Soldaten aus Häckerling hervorrief, erlegte er die Anführer durch Freischüsse und zerstreute so die feindlichen Truppen. Oft verwirrte Kresse die Soldaten dergestalt, daß sie Tag und Nacht im Kreise herummarschieren mußten. Schossen die Feinde nach ihm, so fing Kresse die Kugeln in dem Schlitz seines Hemdärmels auf, und sammelte oft ein ganzes Säckchen voll. Große Kugeln parierte er mit einer Haselgerte.
Hasen mit Freikugeln erlegt
Einst befand sich Kresse im Wöhlsdorfer Gasthof und sagte: „Heute muß ich noch 2 Hasen schießen.“ Er trank und spielte trotzdem bis 3/4 12 Uhr in der Nacht. Alle Anwesenden meinten, Kresse werde heute wohl kaum noch einen Hasen schießen. Er öffnete jedoch das Fenster, schoß hinaus in den Garten und sagte zu einem Mann: „Geht nur hinaus an den Gartenzaun, wo ihr zwei Hasen finden werdet.“ Jener trug Bedenken, es zu tun, und meinte, Kresse wolle ihn äffen. Dieser erklärte sich jedoch bereit, ihm, wenn er umsonst gehen müßte, den Weg zu bezahlen. Als der Mann nun hinging, fand er wirklich zwei frisch geschossene Hasen.
Die Freikugeln
Ein Wöhlsdorfer wünschte zu sehen, wie Kresse seine Freikugeln gewinne. Kresse versprach, es ihm zu zeigen. Er nahm jenen in der Nachtstunde vor 12 Uhr mit auf einen Kreuzweg bei Wöhlsdorf und machte dort ein großes Feuer an. Kresse ermahnte den Mann, der einen grauen Rock anhatte, ja nicht zu sprechen und auch nicht aus dem gezogenen Kreise zu gehen. Bald erschienen Reiter und auch Fußgänger und sie verlangten, auf Anfrage von Kresse, sie wollten, den Mann im langen grauen Rock. Doch der befolgte den erteilten Rat von Kresse. Daraufhin kamen mehrere Wagen gefahren, Bauholz wurde abgeladen und dann ein Galgen errichtet. Kresse fragte wiederum, was damit werden sollte, worauf die unheimlichen Gestalten erwiderten, sie wollten den Graurock aufhängen. Endlich schlug es zwölf Uhr und der ganze Spuk verschwand plötzlich. Dann kam ein Unbekannter und gab Kresse neun Kugeln, wofür dieser neun andere aus der Form goß, die der Unbekannte übernahm und verschwand.
Die Kressenhöhle
Oft hielt sich Kresse in der Kressenhöhle auf, welche dem Reichenfelser Schloss gegenüber auf einem Bergabhang dicht an der Weimarischen Grenze sehr versteckt im Gehölze lag. Mehrere Gruben, sogenannte Wachgruben, worin seine Gesellen sich zu verbergen pflegten und dabei die Gegend im Auge hatten, sind noch mehr gegen Süden auf dem Vorsprung desselben weimarischen Gebirges sichtbar, und zwar da, wo das Tal von Brückla sich in das Triebestal verliert. Andere befinden sich auf dem entgegengesetzten Abhang dieses Berges im Weidatal, nicht weit von dem sogenannten Döhlener Predigerweg an der Nordseite von Dörtendorf.
Seine Hauptzufluchtsorte aber waren die sogenannten Kresseläger im Pöllwitzer Wald unterhalb von Neuärgerniß. Man fand dort früher öfters Hufeisen und auch Waffen. Hier verteidigte sich Kresse mit seinen Kumpanen und den geflüchteten Einwohnern. Noch heute heißt die Flur in den Lägern.
Im Pöllwitzer Wald nahe den Kresselägern werden noch andere Orte mit dem Namen Kresse in Verbindung gebracht. So habe er sich zu den Einwohnern Dörtendorfs gesellt, die im sogenannten Fluchthaus im undurchdringlichen Dickicht vor den Marodeuren Schutz gesucht hatten. Gleiches erzählt man von den Pöllwitzern, die im dortigen Gehau ein verstecktes Lager angelegt hatten. Heute noch wird in Göttendorf der Zugang zu einem unterirdischen Gang gezeigt, durch den man sich bei Gefahr ins Kresseläger zurückziehen konnte.
Kresse bei Börner (1838)3
Zufrieden verließ ich meine freundlichen Wirthsleute und wanderte an einem schönen Sommermorgen das liebliche Thal entlang, welches das Flüßchen Weyda im Voigtlande bildet. Der Wunsch, dasselbe in seinen Windungen zu überschauen, bewog mich einen Berg hinan zu steigen. Einmal oben angelangt, stieg ich auf dem Bergrücken fort, von einer Kuppe zur andern, und blieb zuletzt vor einer nicht unansehnlichen Felsenhöhle stehen. Ihr Anblick war schwarz und unheimlich genug, um den Aufenthalt eines Zauberers ankündigen zu können, und uralte Eschen und Eichbäume schienen die Ehrfurcht gebietenden Wächter vor dem Eingange zu bilden. Deutlich mochte in meinen Mienen und Gebärden ein Staunen ob dieses Anblickes sich aussprechen, da stieg hinter der größten unter den Eichen ein altes Mütterchen auf. Geheimnißvoll nickte es mir zu: „Herr! das ist die Kressenhöhle, von welcher gar viel zu erzählen wäre, wenn wir Zeit dazu hätten.“ — Meine Neugier, schon rege bereits geworden in dem Verlauf jenes Reisemorgens, wurde durch die Stelle und die Eigenthümlichkeit des Weibes, das vor mir stand, noch gesteigert. Kaum vier Schuh hoch, dazu gebeugt durch die Macht der Jahre, sprach sich in seinem ganzen Wesen Redseligkeit und der Wunsch nach näherer Bekanntschaft mit mir aus. Ein schwarzer Rock mit einer lohgelbfarbenen Schürze, ein graues Mieder und eine dicht aufliegende, schwarze Haube, bildeten die auffallende Kleidung der scheinbaren Höhlenbewohnerin.

„Erzähle doch, Mütterchen!“ — ergieng die Einladung — „ich habe Zeit dafür und an Aufmerksamkeit soll es nicht fehlen.“
„So mag es meinethalben denn auch geschehen,“ — lautete die Antwort — „es zieht ohnedies ein gnädiges Donnerwetter auf, und wir können uns herein zur Höhle auf diesen alten Baumstock in die Geduld setzen.“
„Es mag schon geraume Jahre her seyn,“ — begann meine redselige Nachbarin — „zur Zeit des dreißigjährigen Krieges; damals wohnte in Hirschbach, dem Dorfe da drüben, ein junger Bursche Namens Kresse, der schönste und stärkste weit und breit umher. Alle Jungfern hatten ein Auge auf ihn gerichtet, manche darunter wohl gar alle beide, doch Kresse hatte sich schon sein Theil ausersehen, keine geringere war es, als des Schulzen einzige Tochter. Das Mädel hatte ihn für ihre Seele lieb und der Vater hatte nach gerade auch nichts dawider, denn Kresse war gut, dieß Zeugniß mußte ihm seine eigene Mutter geben; auch waim ganzen Dorfe kein Bursche, der sein Feind gewesen wäre, oder ihm die hübsche Schultzentochter nicht gegönnt hätte.“
„Guter Gott! wer hätte damals denken sollen, daß es so weit mit ihm kommen könnte? Aber es ist freilich dem armen Kresse auch danach gegangen. Denkt euch nur, lieber Herr! da kommt das wilde Kriegsvolk, und Kressens Mutter wird krank vor lauter Schrecken. Es mag wohl auch nicht klein gewesen seyn. Zuerst haben sie das Getraide aus den Scheunen geholt, wie dies alle ist, die Frucht auf dem Felde abgeschnitten und verwüstet, das liebe Vieh weggetrieben oder todgeschlagen, und wie alles rein ausgeplündert gewesen, endlich das ganze Dorf angesteckt und abgebrannt. Kresse hatte seine Mutter noch auf den Händen aus dem hellen Feuer herausgetragen und ihr die Augen zugedrückt. Nun sieht er sich nach seiner Braut um, aber ach, daß es Gott erbarme! die ist nicht mehr zu sehen noch zu hören, entweder sie ist mit verbrannt, oder die Soldaten haben sie mit fortgenommen.“
„Von der Stunde an ist Kresse wie umgewandelt gewesen. In den tiefsten Wald ist er hineingelaufen und hat sich dort in der Kressenhöhle verborgen gehalten. Kein Mensch hat ihn mehr zu sehen bekommen, als bis er ein Bündniß mit dem Bösen eingegangen war und das Freischießen gelernt hatte. Von der Zeit an ist er wieder zum Vorschein gekommen; er sammelte eine Schaar unzufriedener muthiger Burschen um sich, und wehe dem Soldaten, der ihm in den Weg kam! Er hat sie weidlich für das Hirschbacher Unglück bezahlt gemacht. Seine Schüsse fehlten nie, und wenn ihrer noch so viele auf ihn zielten, er fing die Kugeln alle in seinem Hemdebausche auf, oder er wies sie mit einer Haselgerte von sich ab. Auch konnte er sich unsichtbar machen, wenn die Noth am größten war. So hat er noch lange Jahre hier gehaust und den Soldaten viel Noth und Angst gemacht.“
Das Mütterchen hielt inne. Ein gewaltiger Donnerschlag hatte ihre Erzählung unterbrochen und ein heftiger Platzregen nöthigte uns, tiefer in die Höhle hinein zu rücken. Draußen tobte das Wetter mit erneuerter Wuth, und das Mütterchen, das während des Erzählens ordentlich verjüngt schien, fuhr nun also fort:
„Zuletzt aber ist er doch gefangen worden; er hatte sich nämlich eines Abends in dem obern Gasthofe zu Auma, dem Roße, blicken lassen. Dort haben ihn die Soldaten im Schlafe überrumpelt und ihn festgemacht, bevor er nur an seine Künste hatte denken können. Er wurde nun sogleich zum Tode verurtheilt und sollte erschossen werden. Da hättet Ihr aber sehen sollen, wie alle Kugeln an ihm abprallten und keine ihn verletzen konnte! Da rief er endlich selber: „Nehmt mein eigen Gewehr, sonst bringt Ihr mich nicht um!“ — So geschah es denn auch, und die Kugel fuhr ihm gerade durch das Herz in die Wand hinein. Das Blut ist an die Wand gespritzt, und kein Tüncher hat es jemals wieder überweißen können; es kam immer wieder zum Vorschein.
Nun fragt Ihr aber wohl auch nach dem Schultzenmädel? — Nun, die ist am Ende doch wieder zum Vorschein gekommen; sie war bei der Plünderung von den Soldaten mit fortgeschleppt worden, und erst nach Kressens Tode kam sie wieder in ihre Heimath zurück. Wie sie nun hörte, was aus ihrem Kresse geworden war, da hat sie Tag und Nacht geweint, bis sie endlich auch gestorben ist. Sie liegt dort in Hirschbach begraben, und man sagt, daß sie noch jetzt in mancher Nacht an Kressens Grab stehe und um ihn trauere.
Einmal traf er bei der Kauermühle da unten auf einen Trupp feindlicher Soldaten, die Kressen noch nicht kannten. Sie verlangten, er sollte both’sch mit ihnen laufen.“ — „Ich will erst meine Mutter fragen, ob ich darf, — sagte Kresse höhnisch — wartet nur hier eine Weile. — Nun gieng er in die Mühle und machte sie alle zusammen fest, so daß sich keiner von der Stelle rühren konnte. Vier volle Seigerstunden ließ er das Raubvolk dort stehen, endlich kam er wieder aus der Mühle heraus und sagte, — er muß eben einmal bei guter Laune gewesen seyn — sie möchten für dieß Mal nur ihrer Wege gehen. — Das haben sie sich nicht zwei Mal sagen lassen, sie sind nur froh gewesen, daß sie so mit einem blauen Auge weggekommen. Die hätte ich mögen laufen sehen, denn nun haben sie gewußt, mit wem sie es zu thun gehabt.
Ein anderes Mal befand sich unser Kresse in Staiz da drüben, da kommt das Geschrei, die feindlichen Soldaten wären im Anzuge. Was thut Kresse? Er umsteckt das ganze Dorf mit Haselruthen und läßt jede Haselruthe aussehen wie einen Musquetier mit Ober- und Untergewehr. Da ist der Feind in aller Stille wieder abgezogen.“
„Oft hat er auch auf die Anhöhen und Berge umher nur Häcksel ausgestreut, und der Feind hat dann alles mit bewaffnetem Kriegsvolk besetzt gefunden, so daß er über Hals und Kopf wieder Reißaus hat nehmen müssen.“
„Den besten Fang aber hat Kresse in dem Dorfe Palen bei Entschütz gethan. Der böse kaiserliche General von Holk kam dorthin, nachdem seine Raubsoldaten ihre Wuth an der schönen Stadt Weyda ausgelassen und sie von Grund aus verwüstet hatten. Das sind aber gerade die Soldaten gewesen, die auch in Hirschbach, an Kressens Geburtsorte so arg gehaust. Da hat Kresse weder Haselruthen gesteckt noch Häcksel ausgesäet. Ruhig hat er sie alle in Palen einziehen lassen, aber keiner ist lebendig wieder herausgekommen. Erst sind sie drin von ihm fest gemacht worden, dann hat er einen nach dem andern in aller Ruhe abgethan, zuvörderst die Nase, dann die Ohren, und so fort ein Stück nach dem andern abgeschnitten, wozu sie ganz stille haben halten müssen und nicht mucksen dürfen.
Darüber ist aber auch eine solche Furcht vor diesem Dorfe unter die kaiserlichen Soldaten gekommen, daß die Officiere zu jedem ihrer Leute gesagt haben: „Weich nur Palen!“ und davon führt dieser Ort noch heutiges Tages den Beinamen Weich-Palen.“
„Durch das alles war Kresse weit und breit umher furchtbar geworden, und hat dabei unsrer Gegend manchen wichtigen Dienst geleistet. Wollte z. B. das Raubgesindel einem Bauer die Ochsen aus dem Stalle, das Vieh von dem Felde mit Gewalt wegnehmen, so brauchte der Bauer nur aus Leibeskräften zu schreien: „Kresse hilf! Kresse hilf!“ Wenn die Räuber nur Kressens Namen hörten, so ließen sie von dem Viehe ab und suchten das Weite.“
„Dabei hat ihm niemals eine feindliche Kugel etwas anhaben können. Die kleinern Kugeln, die auf ihn abgefeuert wurden, fieng er alle in seiner Hemdebausche auf, wohin sie durch den Hemde- schlitz fahren mußten. Die größern aber, die ihn doch ein Bißchen gejuckt haben würden, war er gewohnt mit einer Haselruthe von sich abzu- wehren.
„Und was hat Kresse für ein Ende noch ge- nommen?“ — fragte ich dazwischen. —
„Je nun, der Krug geht doch immer nur so lange zu Wasser, bis er bricht! so gieng es auch Kressen. Ob er gleich auch die Kunst besaß, sich unsichtbar zu machen, so wurde er doch zuletzt ein- mal von dem Feinde überrumpelt, ehe er noch eine seiner Künste hatte prakticiren können. Sie führten ihn gefangen nach Auma in den Gasthof zum Rosse, dort sollte er in einer Stube nach Kriegsrecht er- schossen werden. Alle Kugeln aber, die auf ihn abgefeuert wurden, waren nicht im Stande ihm das Leben zu nehmen. Endlich konnte er es nur nicht länger vor Jucken und Brennen abhalten, das ihm die Kugeln verursachten, und sagte deswegen zu den Soldaten, sie möchten sein eigenes Gewehr nehmen und ihn damit erschießen. Wie sie das thun, fliegt die Kugel durch Kressen’s Herz hindurch in die Wand. Das Loch davon und Kresen’s daran ge- sprühtes Blut, war noch bis zum großen Aumaischen Brand 1790 zu sehen, denn kein Kalk haftete darauf, so oft es auch überweißt worden war. Mit eigenen Augen habe ich es einige Wochen zuvor gesehen.“
„Doch horcht! — es ruft mein Mann. Behüt’ euch Gott! Zu Hirschbach, an der Stelle, wo Kresse ist geboren worden, und als Kind und Bräu- tigam gelebt, steht das Kressenhaus bis auf den heutigen Tag.“
Mit diesen Worten war die wunderliche Alte verschwunden. Das Gewitter hatte ausgetobt und tief nach Westen sich hinabgezogen. Schon neigte sich die Sonne zum Untergang. Auch ich verließ nun die stille, schauerliche Stelle, kehrte in mein gestriges Nachtquartier zurück voll von dem, was ich hier gesehen und gehört hatte, und erzählte dort in der Abenddämmerung noch meine Begebenheit mit dem Weibe in der Kressenhöhle.
„Herr!“ — rief plötzlich meine Wirthin — „lachtet ihr mich nicht aus, ich spräche, das müsse ein Waldweibel gewesen seyn.“
„Sprecht nur, liebe Frau! Ich habe ja des Wun- derbaren heut so vieles schon gehört, kein Wunder soll mich’s nehmen, wenn ich endlich auch selbst mit hinein verflochten werde.“
„Ja, diese Waldweibels“ — fuhr sie fort — „haben sonst gar häufig auf den Bergen und in den Wäldern hier herum gelebt, und viele Leute wollen deren vor Kurzem noch gesehen haben. Ein armes, verwünschtes Menschengeschlecht soll es gewesen seyn, nicht größer als die sechsjährigen Kinder, aber von Ansehn alt und grau; dabei gutmüthig, geschwätzig und immer zu helfen bereit. Unsere Aeltern und Großältern wissen noch viel davon zu erzählen, wie die Waldweibel Diesem und Jenem, am meisten den Holzmachern im Walde haben arbeiten helfen, und dafür mit ihnen gegessen haben. Doch sind sie sehr furchtsam gewesen und bei dem mindesten Lärmen verschwunden. Wer ihnen etwas zu essen gegeben, oder ruhig zugesehen hat, wenn sie auch wohl selber sich das neugebackene Brod aus dem Ofen, oder die Klöße aus dem Kochtopfe geholt haben, dessen Schaden ist es gewiß niemals gewesen. Sie haben ihm dafür gute Rathschläge und Lebens- regeln gegeben, artige Geschichten erzählt, auch Holzspähne oder Baumblätter zugesteckt, und wenn er es genauer besehen, sind es Laubthaler und Gold- stücke gewesen. Die Männchen sollen nicht so gut- artig als die Weibchen gewesen seyn und haben tiefer
„noch in dem Walde gewohnt. Vor dem wilden Jäger, ihrem Erbfeinde, hatten sie einzig Ruhe und Sicher- heit auf Holzstöcken, in welche, während dem Falle des abgesägten Baumes, drei Kreuze in einem Zwickel eingehauen worden waren. Oft haben sie deswegen die Stockmacher gebeten, dergleichen Stöcke ja zu schonen. Seit einiger Zeit aber sind sie fast alle aus unserer Gegend verschwunden, und seitdem ist auch die gute Zeit für uns vorbei.“
Wunderlich genug! — hieß das Resultat, als ich meine heutige Gesellschafterin und ihr Benehmen mit der Kunde meiner Wirthin verglich. Die ganze Nacht durchlebte ich im Traume mit gutmüthigen, geschwätzigen Waldweibchen an der Kressenhöhle. Am folgenden Morgen mußte auch ich gleich ihnen die liebliche Gegend verlassen, doch die Sehnsucht nach ihr, wie nach einer alten guten Zeit, ist in mir zurück geblieben.
Georg Kresse in den Thüringer Sagen4
Der bekannteste unter den Schwarzkünstlern des großen Kriegs war ein Bauer aus Dörtendorf (Hirschbach, Wöhlsdorf) namens Kresse. Die Soldaten sollen ihm das Haus angebrannt und während er seine sterbende Mutter heraustrug, auch noch die Braut geraubt haben. Daher seine Wut. Der Schrecken, den er mit seiner Mannschaft verbreitete, war groß. Einer, dem bei Dörtendorf die Ochsen vom Pflug gespannt wurden, hat geschrien: »Kresse, hilf! Kresse, hilf! « Da sind die Räuber davongelaufen. Nie fehlte seine Büchse; mit seinen Opfern soll er einst einen ganzen Brunnen ausgefüllt haben. Ihm selber war aber nicht beizukommen; denn er war hieb- und kugelfest, kannte auch schwarze Künste die Menge. Oft streute er Häcksel auf die Berge; der Feind fand dann alles besetzt und nahm Reißaus. Das Dorf Staitz umsteckte er einmal mit Haselgerten, die den Gegnern wie Musketiere mit Ober- und Untergewehr erschienen. In Pohlen machte er eine Anzahl Soldaten fest und schnitt ihnen Nasen und Ohren ab, bevor er sie umbrachte. Endlich wurde er aber doch überrumpelt und nach Auma gebracht. In einer Stube des Gasthofs zum Roß sollte er erschossen werden; doch keine der abgeschossenen Kugeln vermochte, ihn zu töten. Als ers aber vor Brennen nicht mehr aushalten konnte, gebot er den Soldaten, mit seinem eignen Gewehr zu feuern. Da ging ihm die Kugel durch das Herz und machte noch ein Loch in die Wand. Das soll, ebenso wie das verspritzte Blut, bis zum großen Aumaischen Brande (1790) sichtbar gewesen sein; denn es haftete kein Kalk darauf.
Literatur und Fußnoten
- Schmidt, Julius: Topographie der Pflege Reichenfels, Seite 154 ↩︎
- Trebke, Friedrich Wilhelm: Der Reiter ohne Kopf, Seite 52 ↩︎
- Börner, Sagen des Orlagaues. Altenburg 1838, S. 93, https://books.google.de/books?id=AXLc0AEACAAJ&pg=PA93&hl=de&source=gbs_toc_r&cad=2#v=onepage&q&f=false ↩︎
- https://projekt-gutenberg.org/authors/anthologien/books/sagen-aus-thueringen/chapter/44/ ↩︎